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"Der Tagesablauf hat sich komplett verändert."
Stadtteilservice Emmertsgrund - ein Interview: Seit Anfang des Jahres arbeitet der Stadtteilservice Emmertsgrund (STS). Er ist bei der Concierge des VbI in der Emmertsgrundpassage angebunden und auch über diese erreichbar. Der Arbeitstrupp besteht sein Anfang Februar, es arbeiten dort 5 Personen, bis auf den Anleiter alle vom Berg. Für die Mitarbeiter ist der STS ihre erste feste Arbeitsstelle. Sie haben dort einen, wenn auch befristeten, normalen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag, die vom Jobcenter Heidelberg finanziert werden.
Interviewpartner: Gigi, 22 Jahre, Emmertsgrund, Gitano , 25 Jahre, Emmertsgrund, CJ, 19 Jahre, Emmertsgrund, Kapo, 55 Jahre, Vorarbeiter, Ziegelhausen, HiTower, 46,Projektleiter, Emmertsgrund
Wie seid ihr zum STS gekommen?
Gitano: Mein Vater hat davon gehört und mir Bescheid gesagt. Ich habe nicht lange gezögert und mich sofort beim HiTower gemeldet. Außerdem habe ich gleichzeitig an Gigi gedacht, der ja auch einen festen Job gesucht hat.
Gigi: Ich musste nicht lange überlegen und habe gleich zugesagt.
CJ: Ich bin gerade mit einem Freund durch die Passage gelaufen, als der HiTower mich direkt angesprochen und gefragt hat, ob ich nicht Lust auf einen Job hätte. Natürlich habe ich sofort ja gesagt.
Kapo: Ich habe es von meiner persönlichen Ansprechpartnerin im Arbeitsamt erfahren.
Welche Aufgaben habt ihr?
Gigi: Wir machen alles Mögliche. Wir haben die Straßenschilder auf dem Emmertgrund gesäubert und im Winter die Gehwege von Schnee und Eis befreit.
Gitano: Außerdem machen wir sämtliche Maler- und Lackiererarbeiten oder helfen da, wo wir gebraucht werden, wie z.B. beim Auf- und Abbau vom VbI-Sommerfest.
Kapo: Letzten Winter haben wir auch alle Abwasserrinnen gereinigt, die jahrelang nicht mehr gesäubert wurden. Das hat uns Pluspunkte bei den Bewohnern gebracht.
HiTower: Teilweise wären Privatleute für die Kanäle vor ihren Häusern dafür zuständig gewesen, die haben sich natürlich gewundert, dass wir das gemacht haben und haben sich darüber sehr gefreut.
Woher bekommt ihr eure Aufträge?
Gigi: Wir bekommen die Aufträge vom HiTower.
HiTower: Und ich muss mir die Aufgaben suchen, was sich zurzeit wieder als sehr schwierig gestaltet. Die potentiellen Auftraggeber wie beispielsweise die GGH, der Kulturkreis, der Stadtteilverein werden von mir angefragt und melden sich bei Bedarf zurück. Wir arbeiten nicht für private Leute. Für mich selbst ist die Auftragsakquise die schwierigste Aufgabe.
Macht euch die Arbeit Spaß?
Gigi: Ja. Da wir uns alle kennen und befreundet sind macht es umso mehr Spaß.
Gitano: Stimmt, bei uns geht es immer lustig zu.
CJ: Ich finde es wichtig, dass man auch mal einen Scherz machen kann. So macht die Arbeit gleich viel mehr Spaß.
Kapo: Im Gegensatz zu der Arbeit in anderen Betrieben ist unsere sehr abwechslungsreich. Es ist schön, dass wir immer andere Aufgaben von unterschiedlichen Auftraggebern haben. Somit haben die Jungs die Möglichkeit verschiedene Tätigkeiten auszuüben. Auch wenn es keiner Berufsausbildung gleich kommt, lernen sie notwendige Handgriffe und die Grundlagen im handwerklichen Bereich kennen.
Welche Tätigkeiten machen am meisten / wenigsten Spaß?
Gitano: Ich streiche und lackiere am liebsten. Das Abschleifen von Türen und der Umgang mit verschiedenen Geräten machen mir auch viel Spaß. Heute mussten wir in der Passage einen dreckigen Keller ausräumen, das war nicht so toll.
Kapo: Dieser Keller war voll von schmutzigen Sachen. Alte zertrümmerte Waschbecken und eine Toilette lagen auch herum, das war schon ein bisschen unangenehm.
Gigi: Ich mag auch die Malerarbeiten am meisten.
CJ: Ich auch. Die Kanäle zu säubern, hat mir gar nicht gefallen.
Wie sieht euer Tagesablauf aus?
Gitano: Wir stehen um 6 Uhr morgens auf, um 7 Uhr treffen wir uns hier in unserem Aufenthaltsraum, um die anstehenden Aufgaben zu besprechen. Anschließend beginnen wir damit.
Gigi: Gegen 12 Uhr mittags machen wir dann eine Pause für ca. 30 Minuten, in der wir gemeinsam in unserem Aufenthaltsraum essen. Um 15.30 Uhr haben wir Feierabend.
Kapo: Manchmal sind wir auch schon ein bisschen früher fertig, jenachdem wie viel Arbeit ansteht.
Wie sah er davor aus?
Gigi: Ich war oft den ganzen Tag zu Hause oder habe mich mit meinen Freunden getroffen, die selbst arbeitslos waren. Ab und zu habe ich bei meinen Eltern ausgeholfen, die sich mit einem Schrotthandel selbstständig gemacht haben. Ich habe sogar ein paar Bewerbungen geschrieben und hatte auch schon den einen oder anderen 400 € Job, aber das Geld hat mir nicht gereicht.
Gitano: Ich war 4 Jahre lang arbeitslos und war, um ehrlich zu sein, ein fauler Waschlappen. Ich habe oft den ganzen Tag verschlafen weil ich zuvor die Nacht durchgemacht hatte. Mein Tagesrhytmus war komplett verdreht. Ich habe nur das gemacht wozu ich Lust hatte. Wenn ich Geld gebraucht habe, habe ich bei meinem Vater, der auch einen Schrottplatz betreibt, ausgeholfen.
CJ: Ich habe beim Capcorner als Aushilfe gearbeitet und hätte dort fast einen Ausbildungsplatz bekommen. Leider haben sie sich dann für jemanden anderen entschieden und mich gekündigt.
Was hat sich seit eurer Arbeit beim STS in eurem Leben verändert?
Gigi: Der Tagesablauf hat sich komplett verändert. Nach der Arbeit ist man meistens zu müde, um noch etwas zu unternehmen. Ich verbringe viel Zeit bei meiner Freundin. Gegen 20 oder 21 Uhr bin ich dann meistens zu Hause.
Gitano: Ich weiß jetzt, was „Arbeit“ bedeutet. Früher hatte ich keine Lust zu arbeiten, weil ich lieber mit meinen Freunden rumhängen wollte. Seit ich für den STS arbeite, hat sich meine Einstellung vollkommen geändert. Ich habe sogar noch einen Nebenjob, um mir ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Ich finde, dass die Maßnahme ein guter Start für uns alle ist und wir sind froh, dass wir hier die Chance bekommen haben.
CJ: Ich habe jetzt mehr Geld und kann mir mehr leisten als vorher.
Kapo: Wir alle hoffen, dass das Projekt weitergeführt wird, da es wirklich sinnvoll und die Nachfrage so groß ist. Wenn die Verträge nicht verlängert werden, ist das okay, aber man sollte weiteren Jugendlichen die Chance geben, diese Erfahrung zu machen. Die Jungs hier haben endlich verstanden, wofür es sich lohnt früh aufzustehen. Das ist doch der beste Beweis.
Gitano: Optimal wäre es, wenn wir einen unbefristeten Vertrag bekämen. Da ich hier wohne, habe ich es nicht weit zur Arbeit, es macht echt Spaß und außerdem finde ich es gut für meinen Stadtteil zu arbeiten.
Hattet ihr jemals vor, eure Beschäftigung bei STS zu kündigen?
CJ: Ich hatte diesen Gedanken am Anfang, als wir die Abwasserkanäle reinigen mussten.
Gitano: Den Gedanken zu kündigen hatte ich nie, allerdings war es echt eine Herausforderung, 2 Monate lang jeden Tag die Kanäle zu säubern. Da waren wir alle ziemlich genervt. Hinzu kam, dass es Winter war. Es war sehr kalt, es hat oft geregnet und wir hatten noch keine Arbeitskleidung, sodass wir mit kalten Füßen und total durchnässt unsere Arbeit machen mussten.
CJ: Wir konnten auch keine Handschuhe tragen, da wir die Schrauben herausdrehen mussten, um die Kanalgitter abzunehmen. Leider schätzen manche Leute unsere Arbeit immer noch nicht, weil sie denken, dass wir es nicht ernst nehmen aber davon lassen wir uns nicht unterkriegen.
Gigi: Wir haben bisher immer, mit einer Ausnahme, positives Feedback für unsere Leistungen bekommen. Das ist unsere Bestätigung, dass wir alles gut machen, deshalb interessiert es uns nicht, was die anderen sagen.
Würdet ihr anderen Jugendlichen die Arbeit beim STS empfehlen?
Gigi: Ja.
Gitano: Ja.
CJ: Ja.
Kapo: Die Nachfrage ist sehr groß, es kamen schon einige Jugendlich vorbei, die gefragt haben, ob sie an der Maßnahme teilnehmen können.
HiTower: Es haben erstaunlicherweise auch viele Eltern nachgefragt, ob sie ihre Kinder hier unterbringen können. Es überrascht mich immer wieder wie die Jungs mit Zeitdruck umgehen. Wenn ein Auftrag zu einem gewissen Zeitpunkt erledigt sein soll, sind sie eigentlich immer früher fertig. Toll ist auch, dass die Jungs an einer 5-tägigen Schulung teilgenommen und den Gabelstaplerschein gemacht haben, der europaweit gültig ist. Dadurch öffnen sich für sie neue Türen.
Wie geht es bei euch weiter, wenn eure Verträge im November auslaufen?
CJ: Ich wurde an der Abendrealschule angenommen und mache in den nächsten zwei Jahren meinen Realschulabschluss nach. Nächsten Mittwoch geht es los. Danach habe ich mir überlegt zur Army zu gehen, falls sie bis dahin noch in Heidelberg ist. Man verdient dort gutes Geld und ich mag es, dass man dort so gepusht wird.
Gitano: Ich habe von meinem Chef beim Pizza Hut, meinem Nebenjob, das Angebot bekommen, als Vollzeit-Mitarbeiter zu arbeiten. Ich bin generell optimistisch einen Job zu finden, da wir ja jetzt auch den Gabelstaplerschein haben.
Gigi: Ich möchte so schnell wie möglich anfangen zu arbeiten. Am liebsten würde ich eine Ausbildung machen, weil ich der Meinung bin, dass man heutzutage ohne Ausbildung kaum eine Chance hat einen festen Arbeitsplatz zu finden.
Gitano: Ich bin schon zu alt für eine Ausbildung, außerdem verdient man in der Ausbildung nur wenig Geld. Ich habe eine Freundin, die 28 Jahre alt ist. Mit ihr möchte ich schon bald heiraten und Kinder kriegen. Ich habe jetzt das richtige Alter dafür. Dazu kommt, dass ich auch nie gut in der Schule war. Das Thema Ausbildung habe ich für mich schon abgehakt.
Kapo: Eine Ausbildung ist aber sehr wichtig, auch wenn man später gar nicht in diesem Berufsfeld arbeitet, ist es besser, wenn man einen erlernten Beruf vorweisen kann.
Würdet ihr weiterhin beim STS arbeiten, wenn ihr die Möglichkeit hättet?
Gitano: Ich würde auf jeden Fall bleiben.
CJ: Ich denke schon, zumindest noch die 2 Jahre während ich zur Abendrealschule gehe.
Gigi: Vielleicht schon, aber es sollte ein bisschen besser bezahlt werden.
Gitano: Für mich ist der Verdienst uninteressant, da ich ja auch noch meinen Nebenjob habe.
Welchen Beruf würdet ihr ausüben, wenn ihr frei wählen könntet?
CJ: Einzelhandelskaufmann.
Gigi: Ja, ich auch. Aber nicht in jeder Branche. Am liebsten in einem Hip Hop Laden oder im Media Markt
Gitano: Ich würde gern als Kfz-Mechaniker oder als Maler/Lackierer arbeiten.
Woran lag es eurer Meinung nach, dass ihr vorher keinen festen Arbeitsplatz finden konntet?
Gigi: Um ehrlich zu sein, lag es vor allem an meiner Faulheit. Ich habe ein Praktikum im Modehaus Kraus gemacht, habe es aber abgebrochen, obwohl ich dort die Chance auf einen Ausbildungsplatz hatte. Damals war es mir wichtiger mit meinen Freunden rumzuhängen. Jetzt bereue ich es.
Gitano: Wie ich vorhin schon sagte, ich hatte nicht besonders viel Lust, mich um einen Job zu kümmern und habe auch lieber Zeit mit meinen Freunden verbracht.
CJ: Bei mir war es ähnlich. Ich hatte dazu das Pech, dass der Chef vom Cap Corner sich letztendlich für jemand anderen entschieden hat.
Wie wichtig ist euch ein fester Arbeitsplatz?
Gigi: Sehr wichtig, weil ich später auch gerne heiraten und Kinder kriegen möchte.
Gitano: Ohne Job kommt man im Leben nicht weiter.
CJ: Schon wichtig, deshalb mache ich auch meinen Realschulabschluss nach.
