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Lothar Binding im Praktikum bei Frauen pflegen Frauen

Lothar Binding mit Claudia Köber und Bärbel Straub-KriegDer SPD-Bundestagsabgeordnete Lothar Binding begleitete unseren Pflegedienst Frauen pflegen Frauen auf einer seiner Touren. Die Arbeit von Claudia Köber und Bärbel Straub-Krieg vom Pflegedienst "Frauen pflegen Frauen" führte Lothar Binding zu zwei Klienten, die mit dem Besuch einverstanden waren. Wir stellten ihm einige Fragen.

Hallo Herr Binding, Sie haben unseren Pflegedienst einen Tag lang begleitet. Warum?

Im Parlament werden Entscheidungen getroffen, die alle Lebensbereiche aller Bürgerinnen und Bürger beeinflussen oder berühren. Für jedes Fachgebiet gibt es im Parlament Expertinnen und Experten in den Fachausschüssen, auf die wir uns verlassen. Das ist so ähnlich, wie man sich in einem Betrieb auf die zuständigen Kolleginnen und Kollegen in den Fachabteilungen verlässt. Für meine Entscheidungsfindung ist es eine große Hilfe, wenn diesem Vertrauen in meine Kollegen eine eigene Erfahrung hinzugefügt werden kann. Erfahrung ist für mich das Ergebnis reflektierter Erlebnisse und eigener Beobachtungen, die nur selten durch gewissenhaftes Aktenstudium von Einzelfällen, dem Studium der Theorie oder durch Berichte Dritter ersetzt werden können.

Deshalb arbeite ich öfter für einen oder zwei Tage in den verschiedensten Berufsfeldern. Ich nenne das „Praktikum“. Abhängig von den konkreten Möglichkeiten und meinen Fähigkeiten erlauben diese Praktika, manchmal sehr konkret und produktiv mitzuarbeiten; manchmal muss ich mich auf die Begleitung und Beobachtung beschränken. In beiden Fällen lerne ich aber die jeweiligen Ziele, Aufgaben und die konkrete Arbeit unmittelbar kennen; und ich lerne die Lebenslagen vieler Menschen kennen – der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Kundinnen und Kunden, der Führungskräfte, der Pflegenden und der zu Pflegenden, der Ärzte und der Patienten etc. etc.

Auf der Grundlage dieser Erlebnisse, dieser Einblicke und Gespräche mit den Fachkräften über ihre Lebenswirklichkeit und den daraus erwachsenen Erfahrungen fühle ich mich sicherer bei meinen politischen Entscheidungen.

Darüber hinaus lerne ich dabei viele Menschen kennen, mit denen ich ein winziges Stückchen ihres Berufslebens geteilt habe, kaum mehr als ein Blitzlicht – aber oft genug, um später in bestimmten Entscheidungszusammenhängen anrufen zu dürfen und um eine Beratung oder Einschätzung zu bitten.

Was waren für Sie die wichtigsten Eindrücke an diesem Tag?

Pflegedienst – ein kühler Begriff für die Arbeit der pflegenden Frauen. Meine wichtigsten Eindrücke waren die Wärme und Herzlichkeit, das Sich-Einfühlen der Frauen, sobald sie die Schwelle der Wohnungstür „ihrer Frauen“ überschritten hatten. Ein Gespräch über vertraute Anliegen, Haarwäsche, die Nachfrage, ob etwas fehlt, Erinnerungen wachrufen – fast so, als ob eine Freundin zu Besuch käme, um den Tag ein wenig abwechslungsreicher zu gestalten und Ideen auszutauschen. Als Dankeschön gibt es stets ein freundliches Lächeln zurück. Es war zu spüren, wie sehr es hilft, in der eigenen Wohnung und in vertrauter Umgebung bleiben zu können – selbst dann, wenn die objektiven Möglichkeiten, sich selbst zu helfen, sehr gering geworden sind.

Gab es etwas, was für Sie besonders unerwartet war?

Eine Frau konnte das Bett praktisch nicht mehr verlassen. Sie war überglücklich über den (pflegenden) Besuch und wollte uns doch stets animieren zu gehen, weil es wichtig sei, spazieren zu gehen, wenn man jung ist.

Schlagen sich ihre  Erfahrungen von diesem Tag in ihrer  politischen Arbeit nieder?


Ja. Mit Blick auf die demographische Entwicklung und meinen Erlebnissen bei Frauen pflegen Frauen habe ich die Erkenntnis gewonnen, wie wichtig es ist, möglichst lange zu Hause bleiben zu können. Daraus ergeben sich wichtige Ansatzpunkte für Gespräche mit den Fachpolitikerinnen und Fachpolitikern aus den jeweiligen Bundestagsausschüssen (Soziales, Gesundheit und Pflege, Finanzen) und für gesetzgeberisches Handeln. Ganz abgesehen davon kann ich mir noch nicht gut vorstellen, wie viele Pflegeheime bzw. Pflegeplätze einzurichten wären, wenn es die Pflege „in den eigenen vier Wänden“ nicht gäbe oder in Zukunft nicht mehr geben würde.

Ihre Kollegin und Behindertenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Silvia Schmidt hat eine "Bundesinitiative Daheim statt Heim" gegründet. Was halten Sie von dieser Initiative?


Dies ist eine sehr gute Initiative, denn Silvia Schmidt will Möglichkeiten schaffen, möglichst lange zu Hause bleiben zu können, auch wenn man sich nicht mehr gut genug um sich selber kümmern kann. Deshalb bedarf es solcher aktiven Frauen, wie z.B. bei Frauen pflegen Frauen. Falls ein Heimaufenthalt unumgänglich ist oder gewünscht wird, sollten auch dafür entsprechende Möglichkeiten existieren.